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Montag, 4. Dezember 2006 (1442 mal gelesen)
Die ersten Sonnenstrahlen ergossen sich milde über die Steppe als Mene mit der ersten Kindergruppe den Hügelkamm erreichte. Sie gab ein knappes Haltsignal und sofort kam die Gruppe zum Stehen. Ihr wachsamer Blick glitt den Hügel hinab, den Pfad hinunter den sie gleich begehen würden. Regungslos wie in Trance stand sie da, nur die Augen bewegten sich, tasteten Stück für Stück das vor ihnen liegende Areal ab, die Kinder hinter ihr rührten sich nicht.

Es war still, nichts schien den Frieden des beginnenden Tages stören zu können. Mene war eine erfahrene Hüterin, sie wußte, daß sie im Grunde nicht viel zu befürchten hatten, aber vor den Tramplern mußte man sich in Acht nehmen. Sie tauchten manchmal aus dem Nichts auf, angekündigt nur durch ein leichtes Vibrieren des Bodens, für eine Flucht war es dann meist schon zu spät. Ihr Anblick allein reichte aus um Angst und Chaos zu verbreiten. Ihr riesiger unförmiger Körper bedeckte während ihrer heimtückischen Angriffe den halben Himmel, sie hinterließen jedesmal eine Spur aus Blut und Tränen in den Dörfern. Viele Gelehrte hatten versucht, ihre Strategie zu durchschauen, im Laufe vieler Generationen wurden zahllose Abwehrmechanismen ausprobiert, aber nichts davon fruchtete wirklich. Letzendlich war man sich nicht mal über den Sinn der Angriffe im klaren, sie plünderten nicht, es musste pure Vernichtungs- und Blutgier sein.

Alles schien in Ordnung zu sein, Mene ging langsam los und die Kinder folgten ihr. Nach einer
Weile kamen sie an ihrem Ziel an, der Spielplatz, die anderen Gruppen, angeführt von anderen Hüterinnen, trafen nach und nach ebenfalls ein. Die Kinder begannen sofort zu toben, vergessen waren alle Gefahren. Mene postierte sich so, dass sie ihre Gruppe und die Umgebung gut überblicken konnte. Sie sah den Kleinen beim spielen zu, der Lauteste unter ihnen war wieder Mik, kein Tag verging ohne irgendwelche langen Diskussionen mit ihm, immer wollte er irgendwas, brabbelte ohne Unterbrechung, er ließ seine Neugier freien Lauf, keine Strafe konnte ihn stoppen - und sie hatte ihn gern, das hat sie sich irgendwann eingestehen müssen. Sie wusste, dass Vorliebe und Sympathie für einzelne Kinder streng verboten war, eigentlich war sie in dieser Hinsicht auch immer pflichtbewusst, ließ nichts an sich herankommen, aber in diesem Fall versagte die in Generationen antrainierte neutrale Haltung. Sie war sich dessen bewusst, versuchte aber stets so gut sie konnte es sich nicht anmerken zu lassen. Manchmal behandelte sie ihn sogar etwas strenger als die anderen Kinder, und jedesmal litt sie selbst mehr darunter als er.

Gedankenverloren folgten ihre Augen dem Schatten einer Wolke, der sich über die Ebene bewegte, sie schaute in den wolkenlosen Himmel, und schlagartig nahm sie die unheilvollen leichten Vibrationen wahr - Trampler! In diesem Moment ertönte das schrille Alarmsignal, ausgelöst durch eine aufmerksamere Hüterin, Mene sprang auf und rannte ihrer Gruppe entgegen, schrie den Kindern eingeübte Kommandos zu, diese stoben auseinander und suchten in den vorbereiteten Erdbunkern Schutz. Sie stand keuchend vor dem einzigen leeren Bunker, und sie wusste, dass es Mik war, der hier hätte versteckt sein müssen.
Gehetzt sah sie sich um, eine dunkle Vorahnung erfasste sie und schien ihre Glieder zu lähmen, "Mik ..." rief sie, aber es war wohl mehr ein schwacher Ruf, der sich im anschwellenden Getöse des Tramplers verlor. In ihrem Gesichtsfeld tauchte bereits der Trampler auf, das Ungeheuer schien dieses mal mit besonderer Hingabe zu wüten. Sie wandte sich um und erkannte eine Hüterin und einige Kinder, die verzweifelt vor dem Trampler herliefen. Als sie Mik unter den flüchtenden Kindern erkannte rannte sie sofort los, ihm entgegen. Wann hatte er sich bloß so weit von seiner Gruppe entfernt? Dafür würde es eine kräftige Abreibung geben, das war klar.
Sie zwang sich wieder in die Realität zurück, erst musste sie ihn retten, und das würde sie tun, koste es was es wolle. "Mik ... Mik, leg dich flach hin, leg dich sofort hin ..." ihre Stimme überschlug sich, der Trampler war bereits herangekommen, er schien es direkt auf Mik abgesehen zu haben. Aber Mik hörte sie nicht, er rannte weiter geradeaus, seine Beinchen wirbelten in wildem Stakkato über den Boden. Der Trampler war jetzt über ihm, Mene warf sich mit einem gewaltigen Satz auf Mik, riss ihn zu Boden und versuchte ihn mit ihrem Körper zu schützen. Der Boden bebte, Schreie drangen an Menes Ohren, und sie drückte Mik's zitternden Körper noch fester an sich. Sie spürte einen harten Schlag in die Seite, der sie unkontrolliert durch die Luft wirbeln und hart wieder auf den Boden stürzen ließ.

Benommen versuchte sie sich zu orientieren und erkannte, dass Mik nicht mehr da war. Sie blickte dem sich entfernenden Trampler hinterher, irgendwas fiel von seinem unförmigen Körper zu Boden. Sie taumelte dort hin und bleib wankend stehen, ungläubig starrte sie auf die am Boden verstreut und seltsam verrenkt liegenden kleinen Körper.
Ihre Vorahnung bestätigte sich auf grausame Weise, eines der reglosen Bündel war Mik. Sie kniete sich neben ihn, sah auf seinen geschundenen Körper, sah in seine leeren Augen und wusste, dass in diesen Augen das einst so hell lodernde Lebensfeuer erloschen war. Hüterinnen können nicht weinen, Mene aber spürte eine Träne langsam ihre Wange hinuntergleiten. "Mik ..."

* * * * *

Der Mann war schon spät dran, er hetzte zum wichtigsten Termin seines Lebens, auf diesen Moment hatte er monatelang gewartet, jetzt war es soweit. Um die U-Bahn nicht zu verpassen nahm er eine Abkürzung quer durch den kleinen Park der Wohnanlage, in Kauf nehmend, sich die blankgeputzen Schuhe schmutzig zu machen.
Er hastete mit schnellen Schritten voran, als er sich in die Hemdtasche griff um zu prüfen, ob er die Adresse mitgenommen hatte, stolperte er über den kleinen Hügel, über den er sich schon oft geärgert hatte. Er strauchelte, ruderte hilflos mit den Armen und schlug hart auf den grasbedeckten Boden auf. Fluchend erhob er sich wieder, klopfte sich notdürftig den Schmutz von der Hose und hastete weiter. Er bemerkte dabei nicht, wie einige zerdrückte Ameisenkörper zu Boden fielen.


 

Kommentare 

  1. #1 reservoir Dog
    2008-12-1323:46:27 Nette Geschichte, nur das erste "Aber" im zweiten Absatz würde ich, als Hobbyschriftste ller, streichen. ("Aber Mirene war eine erfahrene…"). Da ich es am Satzanfang für nicht nötig erachte und im Satz noch ein "aber" vorkommt.

    Möcht aber nich nur kritisieren - die Geschichte fand ich lesenswert.

    Gruß, reservoir Dog
  2. #2 adminx
    2009-02-1317:53:22 hast Recht, habs nun endlich geändert, thx

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